Experteninterview mit Philipp Kullmann

Wenn wir eine Sache mit zunehmendem Alter verstehen, dann ist es, dass Zeit kostbar ist. Zwischen Arbeit, Freizeit, Haushalt, Kindern und Eltern muss oftmals eines der genannten Bereiche zurückstecken. Wir versuchen unsere Zeit optimal zu nutzen und greifen auf Dienstleister und Tools zurück, die uns Unterstützung versprechen. Zudem haben wir den Wunsch, so lange wie nur möglich in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. Mit zunehmendem Alter ist ein altersgerechter Umbau, in dem moderne Technologien eingebaut werden, ratsam. In unserem neuesten Whitepaper berichten wir neben anderen Wohnkonzepten der Zukunft vor allem über Mehrgenerationenquartiere und die Relevanz jener für Immobilienunternehmen.

Das LivingSmart Projekt ist eine Kooperation zwischen ANIMUS, den Johannitern und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und verfolgt das Ziel, die Interessen und Bedürfnisse mehrere Generationen in einem Quartier zu bündeln. Philipp Kullmann ist Business Development Manager bei ANIMUS und beschäftigt sich hauptsächlich mit den Bereichen Vertrieb, Kooperationen und Förderprogramme. Aus diesem Grund ist er der Projektkoordinator für das LivingSmart Projekt und informiert uns in diesem Beitrag über den allgemeinen Projektfortschritt und die Veränderungen, die durch die Covid-19 Pandemie ausgelöst wurden.

Wofür bist du beim Projekt LivingSmart zuständig?

Ich bin im Rahmen des Projektes für die Koordination zuständig, das bedeutet ich kümmere mich um die Organisation und Koordination unseres Projektteams. Unser Projektteam besteht aus verschiedenen Mitarbeitern der Projektpartner Johanniter-Unfall-Hilfe e.V., OFFIS Institut e.V., die Christian-Albrechts Universität zu Kiel, dem pme Familienservice, dem BFE (Bundestechnologiezentrum für Elektro- und Informationstechnik e. V.) und natürlich auch wir von ANIMUS.

Wie ist die Idee entstanden?

Das Projekt ist durch den Einfluss von aktuellen Trends entstanden, wie beispielsweise das verstärkte Wegfallen traditioneller familiärer Betreuungskapazitäten; u.a. bedingt durch die allgemeine demografische Entwicklung. Durch das erhöhte Lebensdurchschnittsalter und gesteigerte Lebensdauer entsteht eine Kluft zwischen den realisierten alltäglichen Betreuungssituationen und der eigentlich gewünschten und notwendigen Betreuung.

Sogenannte Familienmanager (auch „Sandwich-Generation“ genannt) sind zuständig für den eigenen Haushalt sowie die eigene Familie und kümmern sich oft zusätzlich um die Betreuung und Pflege der Eltern. Zudem gewinnt, der erforderliche altersgerechte Umbau von Wohnungen an Bedeutung (Stichwort „vernetztes Wohnen“), da viele älterer Menschen den Wunsch hegen, auch im Alter weiterhin unabhängig zu sein. Leider fehlt es in diesen Bereichen häufig an Wissen, damit mögliche Unterstützungsmöglichkeiten und Dienstleistungen von den Familienmanagern in Anspruch genommen werden können, um beispielsweise eine geeignete Kinderbetreuung oder einen passenden Handwerker zu finden. Rund ums Wohnen gibt es bereits diverse webbasierte Dienstleistungsangebote, die von der Stromabrechnung über einen Hausmeisterdienst bis zur Paketannahme reichen. Die Suche über spezialisierte Portale kostet oft viel Kraft und Nerven. Zum einen ist der Aufwand hoch, sich immer wieder neu einzuloggen, zum anderen bieten die Portale keine Garantie für gute Servicequalität. Für personennahe Betreuungs- und Unterstützungsdienstleistungen stehen solche Plattformen so noch nicht zur Verfügung. Diese Lücke soll durch das Projekt geschlossen werden.

Was ist der aktuelle Stand?

Das Projekt ist im September 2018 gestartet und hat eine Laufzeit von 3 Jahren. Momentan befinden wir uns also schon mitten drin und haben bereits einige Fortschritte gemacht. So haben wir z.B. eine Anforderungsanalyse durchführen können, bei der wir mit Experten aus der Branche über die Erfahrungen mit Services, die im Alltag unterstützen, gesprochen haben. Eine erste Version der ANIMUS Plattform zum Testen der Funktionen, konnte den Projektpartnern ebenfalls zur Verfügung gestellt werden. Im Februar diesen Jahres sorgte die weltweite COVID-19 Pandemie dafür, dass der Projektplan etwas abgeändert wurde. Aufgrund der veränderten Lage wurde das Projekt bezüglich der Ausrichtung und Zielgruppe umgedacht.

Was sind die Zielgruppen? Sind nur ältere Menschen und Familien angesprochen, oder beispielsweise auch Studenten?

Ursprünglich richten sich die in LivingSmart entwickelten Services an alle Bewohner eines Quartiers, die eine Rolle als Familienmanager einnehmen. Die sogenannten Familienmanager sind zuständig für den eigenen Haushalt, die Kindererziehung, Freund/in und Partner/in, und kümmern sich oft zusätzlich um die Betreuung und Pflege der eigenen Eltern. Die Doppelbelastung durch Job und Kinder fordert ihren Tribut: Burn-out, Depression und Angstzustände sind häufige Begleiter. Für viele Menschen hängt die Lebensqualität von der Ausgestaltung des direkten Lebensumfeldes im Quartier sowie von passenden Dienstleistungsangeboten und der Einbindung in die lokale Gemeinschaft ab. Die lokalen Rahmenbedingungen spielen deshalb sowohl für junge Familien als auch für das Leben im Alter eine entscheidende Rolle. Dazu gehören soziale Netzwerke ebenso wie Wohlfahrt-Strukturen, Dienstleistungsangebote sowie bürgerschaftliches Engagement. Von den Projektergebnissen profitieren daher auch die unter Umständen weit entfernt wohnenden Angehörigen.

Aufgrund der COVID-19 Pandemie hat sich unsere Zielgruppenausrichtung jedoch etwas geändert. Ziel ist es nun, möglichst viele Menschen in kurzer Zeit erreichen. Zu diesen zählen dann nicht mehr nur die oben genannten Familienmanager, sondern ebenfalls Einzelpersonen, Familien, Alleinerziehende, Pflegende und vor allem von der Notsituation betroffene Risikogruppen. Demnach werden Studenten durch diese Umstrukturierung zwar mit angesprochen, zählen jedoch nicht zur Hauptzielgruppe.

Wie kann man die unterschiedlichen Bedürfnisse alle integrieren? Birgt das eventuell die Gefahr, eine Zielgruppe zu vernachlässigen?

Die in LivingSmart entwickelten Services richten sich an alle Bewohner eines Quartiers. Das bedeutet, wir beschränken uns durch die Neuausrichtung, aufgrund der aktuellen Lage, nicht mehr nur auf die Familienmanager, sondern wollen wirklich alle Bewohner, sei es der Student, die junge Familienmutter, oder auch ältere Menschen, ansprechen. Unser Ziel ist es, für jede Zielgruppe verschiedene Services anzubieten, so dass wirklich für jeden etwas dabei ist. Auf diese Weise wird niemand vernachlässigt.

Hat die Corona-Pandemie eine Auswirkung auf die Ausrichtung des Projekts?

Aufgrund der Pandemie haben wir in Absprache mit dem Projektträger Karlsruhe, sowie dem Bundeministerium für Bildung und Forschung eine Änderung der Ausrichtung des Projekts beantragt.

Unsere Motivation entsteht hierbei aus den aktuellen Auswirkungen, die sowohl in Deutschland als auch weltweit zu erkennen sind. Soziale Distanzierung, kein Zugang zu bereits bestehenden Dienstleistungen, besondere Bedarfe von Risikogruppen und Unsicherheiten gegenüber Anbietern von Dienstleistungen sind nur einige der Punkte, die uns zu einem Umdenken und somit zur Neuausrichtung veranlasst haben. Wir möchten in den kommenden Monaten möglichst schnell so viele Menschen wie möglich erreichen, um z.B. Neuinfektionen niedrig zu halten, Risikogruppen nicht zu gefährden und das Pflegepersonal zu entlasten.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Umsetzung?

Für den Erfolg der LivingSmart-Plattform ist eine hohe Nutzerakzeptanz von grundlegender Bedeutung. Hierfür ist es notwendig, Bedenken der Nutzer bezüglich des Datenschutzes und des informationellen Selbstbestimmungsrechts von Anfang an durch ein klares Datenschutzkonzept ausräumen zu können.

Für das Projekt selbst muss daher ein detailliertes Datenschutzkonzept entwickelt werden, welches ebenfalls die Frage adressiert, wie den Nutzern verständlich dargelegt werden kann, welche Daten durch das System erhoben und zu welchem Zweck verarbeitet werden (Transparenz der Datenverarbeitung). Darüber hinaus soll das System sicherstellen, dass die Nutzer dauerhaft die Kontrolle über die Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten haben, d.h. jede Form der Verarbeitung ihrer Daten, die über die Zwecke der unmittelbaren Bereitstellung der Dienstleistung hinausgeht, jederzeit aktivieren oder deaktivieren können. Durch die aktuell vorherrschende COVID-19 Pandemie kann davon ausgegangen werden, dass sich die Akzeptanz gegenüber digitalen Dienstleistungen erhöhen wird. Darüber hinaus liegt die Annahme nahe, dass sich auch die Prioritäten potentieller Nutzer, insb. der Risikogruppen, verändert haben und auch weiterhin verändern werden.

Wie bewertest du die Relevanz dieses Projekts für die Immobilienwirtschaft?

Die Verwertung ist durch die Übertragbarkeit des Konzeptes auf andere Städte und Quartiere und die hoch-individualisierbare Software-Lösung gegeben. Hauptadressaten sind organisierte Immobilienunternehmen, wie die Wohnungswirtschaft, Projektentwickler, Pflegeheime und Studentenwohnheime. Im Zentrum der Entwicklung soll durch das Zusammenspiel von quartiersnahen Dienstleistungen eine optimale Unterstützungsstruktur entwickelt werden, die Menschen in herausfordernden Lebenssituationen passgenau unterstützt. Für die beteiligten Unternehmen, die in diesem Sektor personennahe Dienstleistungen erbringen, vermitteln bzw. die relevanten Dienstleister qualifizieren, werden im Projektrahmen wertvolle Erkenntnisse wie z.B. zu der

  • Verzahnung von technischen und personennahen Dienstleistungen und erbringenden Dienstleistern,
  • Verknüpfung von informellen Netzwerken und professionellen Netzwerken,
  • Einbindung von relevanten Akteuren in einem Quartier sowie die darauf abgestimmte Entwicklung von Online-Schulungen für Dienstleister und Endnutzer gewonnen.

Kann das LivingSmart Projekt die Immobilienbranche nachhaltig verändern?

Ich denke, dass LivingSmart die Immobilienbranche verändern kann, da vor allem wohnungs- und personennahe Dienstleistungen immer wichtiger werden, wenn wir an die Zukunft des Wohnens denken. Die Bewohner in Quartieren profitieren so von den verschiedensten Dienstleistungen und können sich in ihrem Alltag um wichtigere Dinge kümmern. Die Plattform fördert natürlich auch die zwischenmenschlichen Beziehungen und stärkt die soziale Nachbarschaft. Wichtig bei allen digitalen Plattformen ist aber auch das einfach der Faktor Mensch bestehen bleibt, viele Dinge können digital erledigt werden, aber ein zwischenmenschlicher Austausch ist weiterhin für jeden essenziell. All diese Dinge möchten wir mit LivingSmart verändern.

Wie sieht deiner Meinung nach das Quartier der Zukunft aus?

Ich denke, dass in einigen Jahren alle Quartiere mit digitalen Plattformen ausgestattet sein werden und viele Prozesse, die vorher noch analog ausgeführt wurden, auf diese Weise digital abgebildet werden können. Die klassischen Grenzen, zwischen Wohnen und Arbeiten, zwischen Beruf und Freizeit, die momentan noch auffindbar sind, werden künftig weiter verschwimmen.

Des Weiteren denke ich, dass das Konzept des Mehrgenerationen-Wohnens eine tragende Rolle in den Quartieren der Zukunft spielen wird, da auf diese Weise ältere Menschen besser in die Gemeinschaft integriert und Angehörige und Pflegepersonal entlastet werden können. Letztlich bin ich überzeugt, dass in Zukunft Dienstleistungen für alle Menschen einfach zugänglich gemacht werden sollten, damit jeder die gleichen Möglichkeiten auf Entlastung und Entfaltung bekommt.

Das Projekt LivingSmart wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) betreut.

Wir bedanken uns bei Philipp Kullmann für das hochaktuelle Interview.

Mehr zu ANIMUS unter: www.animus.de